Unterscheiden, ohne zu urteilen –
Was bedeutet das?
von Armin Risi

Wenn von der Polarität „positiv“ und „negativ“ gesprochen wird, lautet ein häufiger Einwand, man dürfe nicht urteilen und etwas als positiv und etwas anderes als negativ bezeichnen; das sei polares Denken; man solle nie werten und nie urteilen, denn nichts sei schlecht oder falsch. „Alles hat einen Sinn.“

Letzteres stimmt. Alles hat einen Sinn,
auch das Negative. Aber deswegen ist das Negative immer noch negativ!

Das berühmte Zitat
Urteile nicht! stützt sich auf ein Wort Jesu und lautet im Zusammenhang (Mt 7.1–2): „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn mit welchem Gericht ihr richtet, mit dem werdet auch ihr gerichtet werden.“ Gleich danach (7.3) sagt Jesus: „Was kümmerst du dich um den Splitter im Auge deines Bruders und siehst nicht den Balken in deinem eigenen? … Du Scheinheiliger, ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge! … Werft eure Perlen nicht vor die Schweine!“

„Urteile nicht!“ heißt also nicht: „Unterscheide nicht!“ Jesus selbst unterscheidet offensichtlich sehr kritisch. Gewisse Männer nannte er sogar „Schlangenbrut“.


Das Thema „Nicht urteilen“ ist eine, wenn nicht sogar die essentielle Lehre aller echten Religionen und Mysterienschulen und wurde immer nur in inneren Kreisen weitergegeben, gerade weil sie so mißverständlich ist. Denn sie ist nur mit einer göttlichen Sicht zu verstehen.

Worum es geht, ist die
Realität jenseits der Dualität (Zweiheit), nämlich die göttliche Einheit, also um nichts anderes als um das Absolute (Gott). Diese Einheit ist unteilbar und ungeteilt, auch nicht aufgeteilt in die Zweiheit von Vergangenheit und Zukunft. Sie ist jenseits von Zeit und daher auch jenseits von Raum. Sie ist ewig (= zeitlos, raumlos). Was ist nun diese ewige Realität jenseits der Dualität? Es ist die Individualität, wörtlich: „das Nicht-Teilbare“ (gebildet aus dem Lateinischen dividere, „teilen“, und der Silbe in- als Verneinung). Nicht nur wir als relative Wesen sind individuell, sondern auch das Absolute ist individuell. Da Individualität Bewußtsein und freier Wille bedeutet, hat auch Gott einen Willen. Nur deshalb können wir beten: „Dein Wille geschehe!“

Wie können wir individuell sein und gleichzeitig eins sein mit der absoluten Individualität? Nur im Bewußt-Sein der Liebe. Liebe ist die wahre Einheit in vollkommener Individualität. Und Liebe ist immer freiwillig. Nichts, nicht einmal Gott, kann Liebe erzwingen.
Liebe ist also die Vollkommenheit des freien Willens. Und da Gott Liebe ist, will Gott nichts anderes als diese Vollkommenheit des freien Willens.

Freier Wille erfordert die Möglichkeit des Wählens. Und das ist der Sinn, warum es eine materielle Schöpfung gibt. Sie ist der Bereich von Raum und Zeit, die
ursprüngliche Polarität, die nichts anderes ist als wertfreie „Schöpfungsdynamik“. Männlich – weiblich, jung – alt, „positiver Pol“ – „negativer Pol“ haben nichts mit „gut“ und „böse“ zu tun.

Im Bereich der Polarität haben alle Geistwesen aber
die Möglichkeit zu wählen, das heißt, sie „müssen freiwillig“ die Liebe wählen. Niemand zwingt sie, in der Einheit zu ein, und niemand zwingt sie, in die Zweiheit zu gehen. Es ist also auch nicht „notwendig“, in die Zweiheit zu gehen!

Dualität (Zweiheit) beginnt, wenn Wesen aus eigenem freien Willen beschließen, aus der Harmonie und dem Gleichgewicht auszusteigen und in die Spaltung zu gehen. So entsteht das Diabolische, wörtlich „das Spaltende“. In der Symbolik von Licht und Dunkelheit bedeutet dies, daß sich etwas dem Licht entgegenstellt und „Dunkelheit“ schafft. Plötzlich fallen lange Schatten …

zurück

Und dies ist die große Versuchung: etwas zu schaffen, was das Licht nicht schaffen kann. Denn Licht wirft keine Schatten! Wer sich hier aus der ursprünglichen Identität abspaltet, verfällt in das Ego, nämlich in den Verlust des Bewußtseins, daß wir alle ewige Individuen jenseits der Dualität sind. Sobald man in der Dualität ist, hat man keinen Zugang mehr zur Realität jenseits der Dualität, genauso wie jemand in Dunkelheit nicht mehr mit dem Licht verbunden ist (sonst wäre er nicht in Dunkelheit).


„Gut“ und „böse“ existieren nur innerhalb der Dualität – aber dort existieren sie. In der Diskussion der Gegensätze „gut“ und „böse“ ist es auch gerechtfertigt, das Böse auch als „Negative“ zu bezeichnen, denn im wörtlichen Sinn bedeutet negativ „verneinend, ablehnend“, vom lateinischen Verb negare, „nein sagen“. Das Böse ist in diesem Sinn tatsächlich negativ, weil es die göttliche Ordnung verneint und eine eigene „Welt-Ordnung“ durchsetzen will.

Böse (satanisch) ist all das, was der bewußten Einheit, der Liebe, entgegenwirkt oder diese sogar bekämpft, z. B. indem es den freien Willen der anderen nicht respektiert. Gut ist all das, was diese bewußte Einheit anstrebt. Aber solange man noch streben muß, ist man noch immer im Gegensatz-Bereich des Bösen und definiert sich als dessen Gegenteil. „Gut“ sein ist also gut, aber nicht gut genug. Das Ziel ist es, göttlich zu sein, d. h. im ursprünglichen Bewußtsein der Einheit (Liebe) zu sein. Für diese drei Begriffe könnten man daher auch sagen: gottabgewandt, gottzugewandt, gottesbewußt.

Aus der göttlichen Sicht heraus ist es möglich, den eigentlichen Sinn von allem zu erkennen, auch des Negativen. Innerhalb der Materie leben wir alle angesichts der Dualität und werden mit Gutem und Bösem konfrontiert. Beides ist eine Herausforderung und Prüfung der Liebe: Wie stark ist mein göttliches Bewußtsein? Lasse ich mich zu Gefühlen der Dualität bewegen?
Verführt mich das Gute, egoistisch nur an mich selbst zu denken? Mich für besser als andere zu halten? Provoziert mich das Böse (Lüge, Gewalt, Folterung usw.) zu Gefühlen des Hasses, der Rache, der Ohnmacht, des Selbstmitleids? Oder kann ich in allen Situationen das souveräne, unbeeinflußte Bewußtsein beibehalten? Nie das göttliche Ziel, die Sicht der Ewigkeit, verlieren? Was ist aus der Sicht der Ewigkeit schon wesentlich außer die Ewigkeit selbst?

In diesem Bewußtsein urteilt man nicht mehr und sagt nicht: „Das ist böse und von Nachteil für mich“, und „Das ist gut und für Vorteil für mich.“ Denn beidem begegnen wir wertfrei, denn beides ist für uns ein Impetus zum Bewußt-Sein der Einheit: Liebe, Verzeihen und Loslassen der Dualität. Nicht selber wieder in die Dualität fallen.

Dabei aber unterscheiden wir genau, denn
ohne Unterscheiden kein Ent-scheiden (Aufheben der Scheidung, Spaltung, Dualität). Wir erkennen: Was ist gut und was ist böse? Wie reagiere ich im jeweiligen Fall entsprechend der göttlichen Liebe? Liebe bedeutet, für das höchste Wohl aller Wesen zu wirken, ohne für sich selbst einen Lohn zu erwarten (= bedingungslose Liebe). Und dem höchsten Wohl des Bösen, d. h. dessen Befreiung, kann man nur so dienen, daß man zumindest vermeidet, selbst reinzufallen, wodurch sich die entsprechende Dunkelmacht nur noch weiter verschulden würde. Als der Satan zu Jesus kam und ihm Weltherrschaft versprach, antwortete Jesus: „Weiche von mir, Satan.“ Dies war kein Ausdruck von Haß oder Angst, sondern von Liebe. Durch diese klar unterscheidende Abgrenzung konnte Jesus den Satan vor einer weiteren Sündenlast bewahren. Das war Vollkommenheit des freien Willens mit entsprechend göttlicher Resonanz.

Unterscheiden ohne zu urteilen bedeutet also:
Die Dualität nicht ignorieren, sondern transzendieren!

Anfang

Das neue Buch
von Armin Risi

Stacks Image 164







Weitere Webseiten
von Armin Risi

theistic-network.org

science-of-involution.org

English BCHS
RSS
Stacks Image 126
Stacks Image 10440
Stacks Image 3608
Stacks Image 128
Stacks Image 130
Stacks Image 132
Stacks Image 134
Stacks Image 136
Stacks Image 138
Stacks Image 140
Stacks Image 142
Stacks Image 144
Stacks Image 146
Stacks Image 148
Stacks Image 150
Stacks Image 152
Stacks Image 154
Stacks Image 156







Weitere Webseiten
von Armin Risi

theistic-network.org

science-of-involution.org