Hölderlins Hymne „Patmos“

Erläuterung zum Leitvers im Buch
Machtwechsel auf der Erde
von Armin Risi



Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.

— Friedrich Hölderlin (1802)
(1)


Hölderlin beginnt die Patmos-Hymne mit mystischem Pathos: Gott ist nah, näher als alles andere, denn wir sind untrennbare Teile des Allgegenwärtigen. Sein Schöpfungsplan entfaltet sich vor unseren Augen, und dennoch ist dieser göttliche Plan schwer zu fassen, da der Mensch immer eine beschränkte Sicht hat. Deshalb ist Offenbarung notwendig, wie einst auf Patmos. Die heute offenbar werdenden Zeichen bestätigen die damalige Offenbarung und weisen auf große Prüfungen hin, doch: „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Dies wird in den direkt anschließenden Zeilen durch das majestätisch-symbolische Bild der Adler illustriert, die immer am Rand des Abgrunds wohnen, in einsamen Felsenklüften:

Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.
Im Finstern wohnen
Die Adler und furchtlos gehn
Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg
Auf leichtgebaueten Brücken.
Drum, da gehäuft sind rings
Die Gipfel der Zeit, und die Liebsten
Nah wohnen, ermattend auf
Getrenntesten Bergen,
So gib unschuldig Wasser,
O Fittige [Flügel] gib uns, treuesten Sinns
Hinüberzugehn und wiederzukehrn.
So sprach ich, da entführte
Mich schneller, denn ich vermutet,
Und weit, wohin ich nimmer
Zu kommen gedacht, ein Genius [... nämlich nach Patmos]

Die „Adler“ wohnen „im Finstern“ (im finstern Zeitalter) und sind immer mit dem „Abgrund“ konfrontiert. Sie sind „die Söhne der Alpen“ (Söhne sind Erben, aber auch Wächter des elterlichen Gutes; die Alpen sind Sinnbild für die unerschütterliche göttliche Ordnung). Als „Söhne der Alpen“ sind sie „furchtlos“ und überwinden Finsternis und Abgrund – ohne von ihnen berührt zu werden – auf „leichtgebaueten Brücken“. Die Brücken der Adler sind so leicht und licht, daß sie unsichtbar sind. Nur dank der göttlichen Gabe der Flügel ist es den Adlern möglich, die durch Finsternis und Abgrund verursachte Abgeschiedenheit und Getrenntheit zu überwinden. Deshalb bittet der Dichter nun, ebenfalls Flügel zu bekommen, um die Abgründe zwischen den „Gipfeln der Zeit“ überwinden zu können.

Die Gottgesandten, die in den verschiedenen Epochen die göttliche Offenbarung mit sich bringen, stellen jeweils den Gipfel ihrer Zeit dar. Doch durch diese einsame Höhe besteht auch die Gefahr, daß die Offenbarung unverstanden bleibt, da sie als „Gipfel“ auch „getrennteste Berge“ sind, denn Berge sind in keinem Punkt so weit entfernt und getrennt voneinander wie auf ihren Gipfeln.

Die Offenbarungen sind mittlerweile vorhanden, und die Zeiten spitzen sich zu: Die „Gipfel der Zeit“ sind nun „gehäuft“. Wohin man blickt, in allen Himmelsrichtungen („rings“), häufen sich die Zeichen der sich erfüllenden Offenbarungen („da gehäuft sind rings/ Die Gipfel der Zeit“). Doch leider werden diese Offenbarungen nicht erkannt und die Zeichen deshalb nicht richtig gedeutet. Wenn die ringsum gehäuften Gipfel des Westens und Ostens, Nordens und Südens nicht verbunden und im Gesamtbild gesehen werden, verlieren die einzelnen Offenbarungen (die Offenbarungen aller Kulturen) ihre Kraft („ermattend auf/ Getrenntesten Bergen“). Dies droht zu geschehen, wenn nichts Ent-scheidendes diese Scheidung der Gipfel überwindet, und deshalb bittet der Dichter um göttliche Hilfe.

Die Gefahr, die göttlichen Zeichen zu verkennen, muß der Mensch in seinem eigenen Leben durch leicht/lichtgebaute Brücken überwinden, um seine persönliche Aufgabe in der „Finsternis“ zu erkennen. Je größer die Gefahr ist, desto größer wird auch die entsprechende Hilfe (deshalb schreibt Hölderlin „Wo Gefahr ist,
wächst/ Das Rettende“).

Dies ist insbesondere in der gegenwärtigen Phase der Menschheitsgeschichte gültig, da sich ein großer zyklischer Kreis schließt („da gehäuft sind rings [ringsum]/ Die Gipfel der Zeit“). Nah sind nun die großen Umwälzungen. Man beachte, daß das Anfangswort des Gedichtes – „Nah“ – in der elften Zeile in der gleichen Hervorhebung (in Großschreibung am Zeilenanfang) wiederholt wird. Nah ist Gott, und nah ist auch das gottgewollte Ende der Finsternis, das angekündigt wird durch die prophetischen Gottgesandten. Sie, die „Liebsten“, sind heute alle ebenfalls nah, weil die Erfüllung ihrer Prophezeiungen naht.

(Gott und Seine Liebsten leben in liebender Einheit, die symbolisch dargestellt wird durch die kongruente Wiederholung des Wortes „Nah“, gespiegelt über die Achse, die sechste Zeile, in der sich die „Adler“ befinden. Sie sind es, die Gottes Nähe und die Nähe der Liebsten erkennen und deren getrennte Offenbarungen über die Abgründe von Finsternis und Zeit hinweg verbinden. Diese verbindende Funktion der furchtlosen Adler wird versinnbildlicht durch die zentrale Stellung der „Adler“-Zeile zwischen den beiden „Nah“-Zeilen, die sich auf „Gott“ und auf „die Liebsten“ beziehen.)

Gerade jetzt, wo die Zeit sich zuspitzt und die „Liebsten/ Nah wohnen
 …“, ist das Rettende angesichts der wachsenden Gefahr besonders notwendig. Der Dichter erbittet dieses Rettende in Form von zwei Hilfen, die er in mystischer Verschlüsselung als „unschuldig Wasser“ und „Fittige“ umschreibt. „Unschuldig Wasser“ bezieht sich auf das reine Bewußtsein, das direkt aus der Quelle fließt und die Quelle mit dem Meer verbindet, d. h. die Trennung überwindet. Die Flügel sind, wie bereits erwähnt, die Brücken, die aus der Finsternis hinaus und über den Abgrund hinweg führen.

Mit diesen Gottesgaben des Wassers und der Flügel wird es möglich sein, zu den einzelnen Gipfeln der Zeit „hinüberzugehn und wiederzukehrn“ und die Offenbarungen im Gesamtbild richtig („treuesten Sinns“) zu verstehen, ohne sie zu verfälschen. Dies ist auch das Anliegen des Autors im vorliegenden Buch, denn die von Gott gewährte Einsicht ist das wahrhaft Rettende, das uns vor jeglicher Gefahr bewahrt.

Anfang

__________

(1) Die Trilogie „Der multidimensionale Kosmos“ dient dem Zweck, eine umfassende theistische Weltsicht zu eröffnen, damit besser verständlich wird, was gegenwärtig für die Erde und die Menschheit ansteht, nämlich ein zyklischer Übergang in ein neues Zeitalter. Nach einer gott- und götterlosen Zeit der „Nacht“ sollen wieder Licht und Erleuchtung, ein neuer „Tag“, auf die Erde kommen.

Jemand, der das Aufscheinen dieses Umbruchs bereits in den frühen, ersten Anzeichen erkannte und für die kommenden Generationen ankündigte, war der deutsche Dichter Friedrich Hölderlin (1770–1843). Was damals, vor zweihundert Jahren, für die meisten Menschen noch unverständlich und unvorstellbar war, wird heute eine anbrechende Realität. Denn der neue Tag kommt über Nacht. Doch die Verheißung erhallt schon seit zweitausend Jahren und wurde durch die Jahrhunderte hindurch von einer zunehmenden Anzahl Menschen intuitiv bestätigt oder sogar durch weitere Visionen konkretisiert. Die Hölderlin-Zitate am Anfang der drei Trilogie-Bände sind repräsentative „Denkmäler“ für diesen langen Bogen der persönlichen und globalen Vorbereitung.

Der vorliegende dritte (und letzte) Band beginnt mit den berühmten Anfangszeilen des hymnischen Gedichtes
Patmos. Die Prägnanz des Zitats und auch die Überschrift des Gedichtes stehen in einem direkten Zusammenhang mit dem Machtwechsel auf der Erde und der prophezeiten Wendezeit. Patmos ist nämlich jene im ägäischen Meer gelegene Insel, wo der Apostel Johannes die Vision der Geheimen Offenbarung empfing („Ich, Johannes, bin auf die Insel Patmos verbannt worden, weil ich Gottes Wort und die Wahrheit, die Jesus ans Licht gebracht hat, öffentlich verkündet habe“ Offb 1,9). Wie die Ausführungen im vorliegenden Buch zeigen, ist diese Offenbarung heute aktueller denn je – aus dem einfachen Grund, weil sie sich auf die heutige Zeit bezieht. zurück

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