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Armin Risi
Philosoph • Autor • Referent
Radikal umdenken – neue Wege und Weltbilder

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift im Lichtfokus (40/2012 Winter)

Polarität & Dualität

Die Brisanz der ganzheitlichen Spiritualität

von Armin Risi

Sind Gut und Böse letztlich eins? Oder ist beides eine Illusion? Oder eine notwendige Erfahrung? Das Kennen des Unterschieds von Polarität und Dualität ist die Grundlage, die es uns ermöglicht, Missverständnisse und Halbwahrheiten zu vermeiden und eine klare Ausrichtung des Bewusstseins zu finden – als Schlüssel zur Schöpfung einer neuen Realität in Resonanz mit der neuen Zeit.
Verabsolutierung der Einheit

„Alles ist eins“ ist ein Kernsatz der Esoterik und des ganzheitlichen Denkens. Die Erklärungen, die dazu gegeben werden, sind jedoch oftmals unklar und diffus, manchmal sogar diametral verschieden, je nach dem Weltbild, dem die jeweilige Erklärung entspringt. Grundlegend zu unterscheiden sind die Erklärungen der atheistischen und der theistischen Esoterik (ich persönlich vertrete die theistische).

Obwohl „Atheismus“ ein Kein-Gott-Glaube ist, wird nicht selten auch in der atheistischen Esoterik von „Gott“ gesprochen. Gemeint ist damit eine absolute Einheit: ein abstraktes, neutrales Total von Energie, das weder Bewusstsein noch Willen hat. Dieser „Gott“ ist bewusst-los und willen-los. „Dein Wille geschehe“ (Mt 6,10) ist aus dieser Sicht ein unerleuchtetes Gebet, eben weil geglaubt wird, Gott habe keinen Willen. Diese Weltsicht, die die Einheit verabsolutiert, wird Monismus genannt.

Alles ist eins — auch Gut und Böse?

Wenn alles „eins“ ist, ist auch die Zweiheit eins. Das bedeutet, dass Gut und Böse untrennbar miteinander verbunden sind wie die zwei Pole der Elektrizität oder das Ein- und Ausatmen; wenn man nur das eine wolle, erzeuge dies Ungleichgewicht und Blockaden. Das Brisante ist nun, dass diese Ansicht zu den Geheimlehren der höchsten Machtkreise gehört: „Gut und Böse sind in Wirklichkeit nicht zu trennen; das Böse fördert das Gute; ohne das Böse gäbe es nichts Gutes; letztlich ist nichts gut oder böse, denn alles ist eins.“

Hinsichtlich des Karma-Gesetzes sagt diese monistische Ansicht, dass alles nach den Gesetzen von Ursache und Wirkung ablaufe, weshalb alles, was den Menschen zustoße, von diesen selbst in ihr Leben gerufen worden sei, auch Kriege, Versklavung, Deportation in Konzentrationslager, usw. „Wäre es nicht ihr Karma gewesen, wäre es ihnen nicht zugestoßen. Die Tatsache aber, dass es ihnen zustieß, zeigt, dass es ihr Karma war, d. h. von ihnen selbst verursacht wurde. Denn alle schaffen ihre eigene Realität.“

Solche Aussagen sind nicht unwahr, sie sind halbwahr. Wenn ein ganzheitliches Verständnis fehlt, wird die Einheit (Energie) verabsolutiert, was – wie oben gezeigt – zu einer Rechtfertigung des Bösen führt. Dadurch geht die Klarheit des Gewissens und des Unterscheidungsvermögens verloren, nicht zuletzt in den hohen Rängen der religiösen und säkularen Machtpyramiden. Intuitiv spüren die meisten Menschen, dass bei solchen Ansichten etwas nicht stimmen kann. Die spirituelle Philosophie kann zeigen, warum diese Intuition richtig ist.

Polarität und Dualität: nicht dasselbe

Die Zweiheit ist nicht einfach „eins“. Die Zweiheit muss differenziert betrachtet werden, denn es gibt zwei Arten von Zweiheit: Polarität und Dualität. Was ist der Unterschied? Diese Begriffe sollten nicht gleichgesetzt werden, denn sie sind nicht Synonyme. Polarität enthält den Begriff „Pol“: Elektrizität besteht aus zwei Polen, die nicht zu trennen sind und sich gegenseitig bedingen. Ebenso hat eine sich drehende Kugel zwei Pole. Hier ist klar, dass gleichwertige Gegenteile gemeint sind, wo es kein Gut und Böse gibt – im Gegensatz zur Dualität, die entsteht, wenn ein natürliches Gleichgewicht gebrochen wird.

Polarität ist die Zweiheit von gleichwertigen, sich gegenseitig ergänzenden Polen, gründend im natürlichen Gleichgewicht der göttlichen Ordnung. Polarität ist das Grundprinzip der göttlichen Schöpfungsdynamik und ist Ausdruck der ursprünglichen Harmonie der materiellen Welt (maskulin und feminin, Raum und Zeit, „positiv“ und „negativ“, Schöpfung und Auflösung, Sonne und Mond, Ein- und Ausatmen usw.). Dualität ist die Zweiheit von gegenteiligen, sich gegenseitig ausschließenden Gegensätzen, die verursacht wird durch Spaltung und Einseitigkeit im Denken, Fühlen und Handeln. Dualität entsteht, wenn jemand den göttlichen Mittelweg verlässt und das in der Schöpfung angelegte Gleichgewicht bricht. Weil Dualität mit der Spaltung und Störung eines natürlichen Gleichgewichts zusammenhängt, hat sie immer zwei Aspekte: das Zuviel und das Zuwenig.

Dunkelheit: Trennung vom Licht

Die typischen Beispiele für Dualität sind die Gegensätze gut und böse, gottzugewandt und gottabgewandt, Täter und Opfer, Liebe und Hass, Licht und Dunkelheit (als Symbolik im Sinn von „Im-Licht-Sein“ und „Getrenntheit vom Licht“). Wenn man Dualität und Polarität gleichsetzt, führt dies zum Trugschluss, Gut und Böse seien nicht zu trennen, so wie bei der Elektrizität der eine Pol nicht von dem anderen zu trennen sei.

Dies jedoch ist ein Irrtum, der einer Verwechslung der Ebenen entspringt. Man kann das Ein- und Ausatmen oder die zwei Pole der Elektrizität (= Polarität) nicht mit Gut und Böse (= Dualität) gleichsetzen. Gut und Böse sind nicht gleichwertige Pole der Polarität, sondern gegensätzliche Aspekte der Dualität.

Das typische Symbol hierfür ist die Dunkelheit, die sich vom Licht ausgegrenzt hat. Dunkelheit ist das Gegenteil von Licht, aber Licht ist nicht das Gegenteil von Dunkelheit, denn die Ausgrenzung erfolgte nur von der Seite der Dunkelheit. Nicht das Licht erzeugt die Dunkelheit, sondern die Kräfte, die sich aus eigener Initiative vom Licht trennen und sich vom Licht (und damit auch von der göttlichen Liebe) trennen – und dann pseudoreligiöse oder atheistische Ideologien formulieren, um sich selbst und ihr Verhalten zu rechtfertigen.

Das Gute ist nicht abhängig vom Bösen

Gut und Böse sind nicht gleichwertig, obwohl sie beide relativ sind. Relativ bedeutet „abhängig von Bedingungen; in Relation stehend“. Das Relative definiert sich nicht aus sich selbst heraus, sondern ist abhängig von höheren Kriterien. Philosophisch gesprochen: Das Relative ist abhängig vom Absoluten. Das Gute ist nicht einfach deswegen gut, weil es das Gegenteil des Bösen ist. Das Gute ist gut, weil es in Resonanz mit dem göttlichen Willen ist. Das Böse hingegen definiert sich durch die Negation des Guten. Deshalb besteht die negierende („negative“) Seite der Dualität immer aus zwei Einseitigkeiten, dem Zuviel und dem Zuwenig.

Gut und Böse sind also nicht gleichwertig, weil das Relative nicht unabhängig existiert, sondern immer eingefügt ist in das Ganze und immer einen Bezug zum Absoluten hat. Deshalb ist es entscheidend, was wir unter „absolut“ verstehen. Im ganzheitlichen (theistischen) Verständnis sehen wir das Absolute als den lebendigen Gott mit Bewusstsein und Willen, weshalb wir hier – und nur hier – einen absoluten Maßstab haben, nämlich Gottes Willen (= Liebe, Verbundensein mit der Quelle, Einssein mit Gott und allen Teilen Gottes). Das Gute steht in Resonanz mit Gottes Willen, wohingegen das Böse sich selbst abtrennt und abspaltet so wie die symbolische Dunkelheit vom Licht.

Das Gute definiert sich nicht durch sein Gegenteil, sondern durch seine Entsprechung mit der göttlichen Ordnung. Mit anderen Worten: Das Gute kann aus sich selbst heraus existieren, das Böse hingegen ist eine Verneinung der göttlichen Ordnung. Irrtum ist verfehlte Wahrheit, aber Wahrheit ist nicht einfach ein verfehlter Irrtum. Hass ist Mangel an Liebe, aber Liebe ist nicht einfach ein Mangel an Hass. Krieg ist Abwesenheit von Frieden, aber Friede ist nicht einfach Abwesenheit von Krieg. Das Böse ist die Kraft, die sich gegen die göttliche Ordnung wendet und als spaltende Kraft in die eine oder die andere Form von Einseitigkeit führt, bis in die Extreme. Die atheistische bzw. monistische Esoterik führt zum Trugschluss, gut und böse seien gleichwertig und könnten nur gegenseitig existieren, das heißt: Liebe könne nicht ohne Hass existieren, und ohne Hass gäbe es keine Liebe. Ohne Lüge gäbe es keine Ehrlichkeit. Ohne Dunkelheit gäbe es kein Licht! Ohne das Böse gäbe es nichts Gutes. – Das ist die typische „luziferische“ Selbstrechtfertigung des Bösen.

Das theistische Verständnis von Karma

Realität ist nicht nur Einheit, sondern Ganzheit. Die Ganzheit umfasst sowohl die Einheit (Nondualität) als auch die Vielheit: Bewusstsein (Individualität) und damit verbunden das Mysterium des freien Willens. Dies ist entscheidend für ein ganzheitliches (theistisches) Verständnis von Karma.

Karma bedeutet nicht einfach Prädestination, wie in der oben beschriebenen Selbstrechtfertigung geglaubt wird. Karma bedeutet Kausalität, d. h. das Gesetz von Ursache und Wirkung. Und die wichtigste Ursache ist immer der Wille des Menschen (Wie frei unser Wille ist, ist abhängig von der Reinheit unseres Bewusstseins). Wir haben einen freien Willen, weil wir Teile Gottes sind und weil Gott Bewusstsein und Willen „hat“. Wird das Absolute nur als Einheit gesehen – ohne Willen und Bewusstsein –, hätten auch wir keinen freien Willen. Wir wären die willenlosen Spielbälle im Fluss von Aktion und Reaktion.

Es stimmt: Es gibt keine Zufälle. Alles, was geschieht, hat eine Ursache, und die Hauptursache ist der freie Wille. Wir haben immer die Möglichkeit, die Weichen neu zu stellen. Das Leben findet immer in der Gegenwart statt. Wir können jederzeit neue Karma-Ketten beginnen und auch alte Karma-Ketten auflösen. Das ist die Verantwortung, die mit dem freien Willen verbunden ist.

Durch die Gesetze von Aktion und Reaktion kommen wir in bestimmte Situationen, aber die Gesetze zwingen uns nicht zu bestimmten Handlungen. Selbst wenn jemand aufgrund eines früher erlittenen Unrechts die Möglichkeit bekommt, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, ist neben den Gesetzen immer auch der freie Wille und das Gewissen vorhanden, und diese inneren Stimmen sagen uns, was dem göttlichen Willen entspricht. Ob wir dementsprechend handeln oder nicht, ist unser freier Wille und unsere Verantwortung.

Ist das Böse außerhalb von Gott?

Wenn Gott die Ganzheit ist, umfasst er alles, also auch das Böse, denn es gibt nichts außerhalb des Allumfassenden. Wenn wir diese heikle Wahrheit monistisch interpretieren, führt dies wiederum zu einer Rechtfertigung des Bösen.

Das Böse ist „außerhalb“ von Gott, so wie Dunkelheit „außerhalb“ des Lichts ist, aber wenn die Mauern fallen, ist dort, wo Dunkelheit war, ebenfalls Licht. Um es paradox zu formulieren: Gott ist alles, aber nicht alles ist Gott. Oder bildlich ausgedrückt: Licht ist überall, aber nicht überall ist Licht. Nämlich dort nicht, wo es dunkel ist. Aber „Licht ist überall“, deshalb kann es dort, wo es dunkel ist, auch wieder licht werden. Licht schafft keine Dunkelheit, lässt die Dunkelheit aber zu, wenn sich jemand von „ihm“ abtrennen will.

Diese Differenzierung ist wichtig, denn hier entscheidet es sich, ob wir das Böse rechtfertigen oder es als solches erkennen, um es dadurch zu heilen. Solange wir es mit monistischen Philosophien rechtfertigen, stärken wir es, genauso wie wenn wir Angst davor haben, es hassen oder es ignorieren.

Die vorrangige Herausforderung in der heutigen Zeit ist die allumfassende Heilung. Dazu gehören zuallererst die klaren Diagnosen. Unterscheiden,
ohne zu urteilen.